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Gemeinde Weingarten (Baden)

Weingartens Geschichte

Die Ursprünge
Bei ersten Grabungen am Weingartener Baggersee wurden 1960 Mammutskelette (Backenzähne,
Stoßzähne, Unterkiefer, etc.) aus der letzten Eiszeit, die vor zirka 10.000 Jahren endete, gefunden.
Die erste menschliche Besiedlung ist bisher von der jüngeren Bandkeramik um 3000 bis 2400 v.
Chr. durch Funde am Höhforst nachgewiesen. Des Weiteren wurden im Gewann Dörnig zirka 100
Hügelgräber von der Bronzezeit (ab 1500 v. Chr.) über die frühe Eisenzeit („Hallstattzeit“ um 800
v. Chr.) bis zum Beginn der Latène-Periode (Keltenzeit zirka 450 v. Chr.), nachgewiesen. Aus der
Latènezeit sind mehrere Funde beim Turmberg und in Werrabronn belegt. Um 58 v. Chr. standen
die Römer unter Julius Cäsar am Rhein. Vier nachgewiesene so genannte „Villa rustica“ lassen
vermuten, dass sie vermutlich auch die ersten Weinreben an den sonnigen Weingartener Südhängen
z.B. am Petersberg angepflanzt haben.
Weingarten ist auf altem Kultur- und Siedlungsland zu beiden Seiten der Talausmündung des heutigen
Walzbaches entstanden. Ein genaues Alter kann nicht angegeben werden. Jedoch weisen die
im Ort entdeckten alemannischen und fränkischen Gräber (z.B. am „Alten Friedhof) auf zwei Ansiedlungen
in der Merowingerzeit (6./7. Jahrh.) hin. Der eine Siedlungsschwerpunkt befand sich
nur wenige Meter westwärts der heutigen evangelischen Kirche, und zwar in der Mützenau. Die
zweite Ansiedlung lag etwa einen Kilometer davon entfernt in östlicher Richtung im Bereich der
heutigen Mühlstraße. Beide Siedlungen lagen nahe am Bach, denn das Wasser war für die Menschen
und die Haustiere lebenswichtig.
Weingarten wird schon im 9. Jahrhundert mehrmals erwähnt, aber ohne genaue Jahreszahl. Die
erste urkundliche Nennung stammt allerdings aus dem Archiv des Benediktinerklosters Wissembourg
im Elsass aus dem Jahre 985. Der so genannte „Codex Edelini“ (um 1280 von Abt Edelin
verfasst) nennt als Anlass hierfür die gewaltsame Loslösung des Klosterbesitzes durch Gaugraf
Otto von Worms. Dort werden 68 geraubte Ortschaften aufgelistet, unter anderen auch unser
„wingarten ultra renum“. Das Kloster besaß in dieser Zeit umfangreiche Besitztümer mit dem dazugehörenden
Zehnten, Bauernhöfe etc. und eine „basilica“. Mit diesem Raub endete die Abhängigkeit
Weingartens vom Kloster Weißenburg. Nach 1004 gehörte Weingarten zu „Lehen des
Grafen Konrad im Pfinzgau“, dem Sohn Ottos von Worms. Aus jener Zeit hat sich bis heute der
große Gewölbekeller unter der heutigen Grundschule erhalten. Hier lagerte das Kloster seinen
Wein, durchschnittlich zirka 6000 Liter (4 Fuder oder 40 Ohm) jährlich.


Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau
In historischen Quellen taucht Weingarten erst wieder viel später auf und zwar im Zusammenhang
mit den „Herren von Schmalenstein“, die einem alten schwäbischen Rittergeschlecht entstammten.
Sie waren als Lehensmänner der „Pfalzgrafen bei Rhein“ auch Lehnsträger in Weingarten
und müssen wohl das alte Schloss am Walzbach oberhalb des Dorfes, in der Nähe der
Straße nach Jöhlingen, bewohnt haben. Nicht nur die Entstehungszeit, auch der Untergang des
Schlosses liegen im tiefen geschichtlichen Dunkel.
Burg und Dorf werden im Jahre 1368 als kurpfälzisch erwähnt und Weingarten gehörte dann bis
1803 (Säkularisierung) zur Kurpfalz. Mit Sicherheit hat Herzog Ulrich von Württemberg im Jahre
1504 nicht nur das Dorf Weingarten, sondern auch das nicht mehr bewohnte Schloss Schmalenstein
zerstört. Von dieser Burganlage im Walzbachtal sind heute nur noch geringe Mauerreste vorhanden.
Danach erfolgte ein Kirchenneubau mit Chorturm auf der Ostseite. Zusätzlich vor 1545
erhielt die Kirche, dem hl. Remigius geweiht, zusätzlich auf der Westseite einen neuen Glockenturm,
der mit dem alten reformierten Teil erst 1901 für den Neubau der evangelischen Kirche gesprengt
werden musste.
Erwähnenswert ist auch, dass schon im 15. Jahrhundert entlang des Walzbachs durch das Oberdorf
drei Mühlen durch die Wasserkraft vom Walzbach betrieben wurden. Es waren:
1. die Obermühle (Mühle Lepp), erwähnt im Jahr 1479 in einem Bestandsbrief der Kurpfalz;
2. die Mittelmühle an der Hebelstraße 9, die urkundlich zum ersten Mal im Zinsregister des Jahres
1441 erschien und
3. die Untermühle an der Kirchstraße 3, die ebenfalls 1441 urkundlich erwähnt wurde. Diese
Mühle beim so genannten Gailbumber, die vermutlich durch die Weißenburger Mönche auf eine
tausendjährige Geschichte zurückblicken konnte, stellte den Mahlbetrieb im Jahr 1907 ein.
Im Bauernkrieg 1525 wird Weingarten vom Gerichtsschreiber der Pfalz, Ludwig Häuser, nicht erwähnt.
Jedoch befindet sich unter den Akten über Weingarten eine Nachricht, die sich direkt auf
den Bauernkrieg bezieht. Sie zeugt von der weisen Maßhaltung des Markgrafen Philipp von Baden,
der in seinem Schreiben vom 26. Juli 1525 dem Deutschen Ordensmeister empfahl, es zu
machen, wie er es gemacht hat, nämlich bei der Erhebung des Zehnten Rücksicht zu nehmen.
Der Deutsche Orden, auch Deutscher Ritterorden genannt, spielt in der Geschichte unseres Ortes
vom 14. bis Anfang des 19. Jahrhunderts eine herausragende Rolle. Davon zeugen noch zwei
Wappensteine an der östlichen Giebelecke des evangelischen Pfarrhauses in der Kirchstraße, dem
ehemaligen Pfleghof des Ordens. Im Jahre 1809 hob Napoleon I. den Deutschen Orden im Bereich
der mit ihm verbündeten Staaten des Rheinbundes auf. Seine Liegenschaften in Weingarten
im Umfang von zirka 25 Hektar, die offenbar an den badischen Großherzog gefallen waren, hatten
acht Weingartener Bürger im Jahre 1813 als Erblehen erworben.
Nach 1600 weiteten sich die religiösen Spannungen zwischen den Konfessionen zu einem
politischen Machtkampf aus. Der so genannte „Prager Fenstersturz“ am 23. Mai 1618 löste den
Dreißigjährigen Krieg im Deutschen Reich aus. Dabei blieb auch Weingarten nicht verschont. Als
eine Exklave der Kurfürsten von der Pfalz wurde es 1622 durch Truppen des in kaiserlichen
Diensten stehenden Feldherrn Tilly zerstört. Elf Jahre später (1633/34) besetzten schwedische
Truppen des protestantischen Königs Gustaf Adolf Weingarten, begleitet von Zerstörungen, Plünderungen
und Verwüstungen von Feldern. Hungersnot und Pest dezimierten die Menschen. Erst
nach dem Friedensschluss der Kriegsparteien 1648 in Münster und Osnabrück (Westfälischer
Frieden) konnte der Wiederaufbau des Dorfes beginnen. Nachdem in der Pfalz ab 1648 die reformierte
(calvinistische) Konfession wieder eingeführt werden musste, wurde auch in Weingarten
das seit 1622 zugelassene katholische Bekenntnis wieder durch die reformierte Konfession ersetzt.
Der nach 1648 eingekehrte Frieden hielt leider nicht lange an. In den Jahren 1674, 1689 und
1691 wurde Weingarten von französischen Truppen überfallen und zerstört (so genannter Pfälzischer
Erbfolgekrieg). Deshalb waren dann nur noch 28 Bürger nach diesem fürchterlichen Jahrhundert
in Weingarten registriert.
Ab 1700 wuchs die Einwohnerzahl wieder kontinuierlich an. Zahlreiche Neubürger kamen auf
Veranlassung des Kurfürsten aus der Schweiz und ließen sich in Weingarten nieder. Ab 1695 betreute
und begleitete der allseits beliebte reformierte Pfarrer Johann W. von Hospital die Pfarrstelle
in Weingarten mit kurzen Unterbrechungen bis zu seinem Tod im Jahr 1750. Noch heute sind
viele Nachnamen im Ort mit schweizerischem Ursprung: Schaufelberger (Schufelberger), Enderle
(Enderli), Streit (Streitli), Mockler (Möckli), Koch, Laubscher, Breitenstein, Siegrist usw. Gemeinsam
mit den Überlebenden bauten sie den Ort wieder auf. Erst im Jahre 1800 zählte Weingarten
wieder über 2000 Einwohner. Das Wirtschaftsleben erholte sich schnell, nachdem dafür
wieder alle wichtigen Handwerker verfügbar waren.


Handwerk und Weinbau – Weingarten als Marktflecken

Um 1800 zählte Weingarten, wie im Jahre 1617 bei der Weingartener Erneuerung, zirka 2000
Einwohner und 120 Handwerker. Der Weinbau wurde mit 70 Hektar Anbaufläche wieder in größerem
Umfang betrieben. So wurde z.B. im Jahre 1781 ein Spitzenertrag von 576.700 Liter
(~ 534 Fuder) gekeltert, für damalige Verhältnisse sehr viel. Im Vergleich dazu liegt die heutige
Produktion nur unwesentlich höher. Ungefähr ¼ der bebauten Rebfläche, ca. 45 Morgen
(1Morgen ~ 25 Ar), waren zu dieser Zeit herrschaftlich (kurfürstlich) und wurden durch den
„Amtskeller“ verwaltet. Der Amtskeller hatte häufig mehr Rechte als der Schultheis. Zirka 25
Morgen gehörten kirchlichen Stiftungen wie dem Deutschritterorden, Herrenalber Hof, Maulbronner
Hof, Gottesauer Hof sowie Pfarrgutpfründe. Der Rebflächen-Anteil der bürgerlichen Untertanen
belief sich auf ca. 210 Morgen. Von dem erwirtschafteten Ertrag wurde schon immer der
Weinzehnt mühsam mit Ochsenkarren nach Heidelberg/Mannheim an den Kurfürsten geliefert.
In seiner gesamten Geschichte war Weingarten, als bekannter und reicher Marktflecken immer
mit dem Weinbau verbunden. Aus der ganzen Umgebung kamen Menschen zu den Markttagen,
und kauften auf den vielen Märkten (Schuhmarkt, Topfmarkt, Holzmarkt, etc.) die Güter des täglichen
Bedarfs ein. Außer dem Weinbau prägten deshalb auch die vielen hier wohnenden Handwerker
mit ihren unterschiedlichen Fertigkeiten das Gesicht des Marktfleckens.


Weingarten wird badisch
Während der so genannten Revolutionskriege unter Napoleon schickte Frankreich drei große
Heere über den Rhein. Eine Truppenabteilung fiel in die Markgrafschaft Baden ein und zog auf
ihrem Weg über Bruchsal, das gebrandschatzt wurde, auch durch Weingarten und besetzte es von
Anfang Juli bis 13. September 1796.
Als kurpfälzische Exklave an der Pforte zur badischen Markgrafschaft Durlach gelegen, war es
um Weingarten nie besonders gut bestellt. Dies änderte sich erst mit der Neuordnung des alten
Reiches durch den Reichsdeputationshauptschluss im Jahre 1803. Napoleon versprach dem Markgrafen
von Baden eine Vergrößerung seines Besitzes von Mannheim bis zum Bodensee. Aus diesem
Grund wurde die rechtsrheinische Kurpfalz, zu der Weingarten gehörte, der Markgrafschaft
Baden zugesprochen. Sie wurde von Napoleons Gnaden Großherzogtum, doch der Königstitel,
wie ihn die Herzöge von Bayern und Württemberg erhielten, blieb dem Großherzog verwehrt. Als
Gegenleistung mussten die Fürsten der neu gegründeten „Rheinbundstaaten“ Soldaten für Napoleons
Russlandfeldzug stellen. In seiner 600.000 Mann starken „Grande armée“ waren auch mehrere
junge Männer aus Weingarten als Soldaten rekrutiert worden. Nur einer von ihnen, mit Namen
Zeh, kehrte nach der vernichtenden Niederlage Napoleons zurück.
Nach dem Ende der Herrschaft Napoleons begann für Weingarten ein wirtschaftlicher Aufschwung.
Im Jahr 1823 wurde die Marktbrücke durch den badischen Ingenieur-Oberst Johann
Gottfried Tulla erbaut. Sie prägt seither mit dem offenen Lauf des Walzbachs, dem Rathaus aus
dem Jahre 1901 und den beiden Kirchen den Ortsmittelpunkt in bewundernswerter Harmonie.
Ein weiteres Projekt von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des Landes war der vom
Badischen Landtag 1838 genehmigte Bau einer staatlichen Eisenbahn von Heidelberg über Karlsruhe
bis zur Schweizer Grenze. Die Inbetriebnahme der Strecke über Weingarten nach Karlsruhe
konnte bereits am 10. April 1843 erfolgen. Dadurch und durch den Bau und Betrieb eines
Bahnhofes in Weingarten wurden auch für Ortsansässige einige Arbeitsplätze geschaffen.
In jener Zeit gärte es fast überall in Europa. Der Ruf nach einem deutschen Nationalstaat, nach
Freiheit und Menschenrechten und gegen Unterdrückung durch die Fürsten im damaligen
„Deutschen Bund“ erfasste auch die Bewohner im Großherzogtum Baden. Der Ausbruch der ersten
Deutschen Revolution 1848/49 verschonte auch Weingarten nicht. Am 25. Juni 1849 kam es
in Durlach bei der Obermühle zu einem Gefecht zwischen Aufständischen und einer Division
preußischer Soldaten. Die Preußen verloren 10 Offiziere und 114 Mann. Im „Werrehäusle“ (Werrabronn)
wurde für die Verwundeten ein Notlazarett und in Weingarten „Militärhospitäler“ in den
Gasthäusern Lamm, Krone und Kreuz eingerichtet. Von den verwundeten preußischen Soldaten
erlagen mehrere ihren Verletzungen. Fünf von ihnen wurden auf dem damaligen Ortsfriedhof im
Lepfus bestattet, wo heute noch zwei Grabsteine an sie erinnern. Nach der missglückten Revolution
wurden 49 Weingartener Bürger, die die Aufständischen maßgebend unterstützten, zur Rechenschaft
gezogen. Der damalige Pfarrer Grohe und „Bierlouis“ Ludwig Hill wurden zu zwei
Jahren Zuchthaus verurteilt.


Drei Gotteshäuser nebeneinander - eine Besonderheit
Im Jahre 1556 regierte in Heidelberg Kurfürst Otto Heinrich. Noch im gleichen Jahr ließ er die
Reformation in der Kurpfalz einführen. Getreu dem Grundsatz: „Cuius regio, eius religio!“ d.h.
„Wer regiert, der bestimmt auch die Religion der Untertanen!“ mussten auch die Bewohner des
zur Kurpfalz gehörenden Weingartens die lutherische Lehre annehmen. Die katholische Seelsorge
hatte damit im Ort ein Ende gefunden. Bis zum Jahr 1622 war die Kirche wechselweise im Besitz
der lutherischen oder der reformierten (calvinistischen) Gemeinde, je nachdem, welcher der beiden
Konfessionen die Kurfürsten entsprechend angehörten.
Im Jahre 1698 erhielt die katholische Gemeinde von Weingarten vom Kurfürsten von der Pfalz
das Recht zur Mitbenutzung der reformierten Ortskirche. Sieben Jahre lang diente die Kirche als
so genannte „Simultankirche“. Durch die Bestimmungen der „Kurpfälzer Religionsdeklaration“
vom 21. Dezember 1705 teilten Calvinisten und Katholiken die Ortskirche St. Michael und begrenzten
ihren Bereich (Langhaus bzw. Chorraum) durch eine Mauer. Der Glockenturm (Westturm)
wurde gemeinsam benutzt. Dagegen mussten die Lutheraner ihre Gottesdienste in Privathäusern
und Scheunen abhalten. Erst 1724 konnten sie mit finanzieller Unterstützung von Glaubensgenossen
aus Norddeutschland, Dänemark und Schweden ein eigenes Gotteshaus errichten.
Der Bauplatz lag an der Ecke Kirchstraße / Am alten Friedhof (heute Kindergarten am „Alten
Friedhof“). Als sich am 1. Januar 1821 die Lutheraner mit den Reformierten zur „Evangelischen
Union“ vereinigten, wurde das lutherische Gotteshaus für andere Zwecke frei.
Durch die zunehmende Einwohnerzahl reichte der katholische Gottesdienstraum im Chorturm
nicht mehr aus. Deshalb wurde er 1758 abgebrochen und durch den Neubau einer kleinen Barockkirche
ersetzt. Dieser Kirchenanbau wurde 1760 eingeweiht. Des Weiteren wurde 1790 die
erste Synagoge in der Kirchstraße 15 (gegenüber dem evangelischen Pfarrhaus) errichtet.
1895 war nun auch die Barockkirche zu klein geworden. Aus diesem Grund wurden sie und
gleichzeitig drei Häuser an der Ostseite des Kirchplatzes abgerissen, um Platz zu schaffen für den
Neubau einer neugotischen Kirche. Sie wurde am 10. Oktober 1899 feierlich eingeweiht. Das
restliche Kirchlein und das alte Rathaus mussten dann 1902 dem Neubau der evangelischen Kirche
weichen. Jetzt bestand eine einmalige Konstellation in ganz Baden: zwei christliche Gotteshäuser
und die jüdische Synagoge standen nun in einer Reihe unmittelbar hintereinander. In der
Reichspogromnacht 1938 wurde die Synagoge demoliert und 1940 abgerissen. Am Karsamstag
1945 wurde das Kirchenschiff der evangelischen Kirche durch eine Bombe zerstört und im Jahre
1954 wieder errichtet. Der alte Kirchturm wurde zum Zweck der Stabilität ummauert.


Der Wartturm und seine Aussicht
Leider besaß Weingarten kein Stadtrecht mit dem Privileg einer Schutzmauer wie zum Beispiel
Wiesloch, Bretten und Heidelsheim, die auch zur Kurpfalz gehörten. 1589 war über den Häusern
auf der Nordseite des Marktplatzes als Ersatz dafür ein Wartturm mit Helmdach und Glockenreiter
zur Warnung der Bürger vor drohender Gefahr und als Stützpunkt und zur Unterbringung kurpfälzischer
Geleitmannschaften errichtet worden. Sein Dachaufbau brannte im „Pfälzischen Erbfolgekrieg“
1691 ab und wurde nicht mehr ersetzt. Danach war er zeitweise auch Ortsgefängnis.
1884 wurde er renoviert und mit einem Zinnenkranz versehen. Im April 1945 erlitt der Turm
durch Granaten schwere Beschädigungen, die erst im Jahr 1956 beseitigt wurden. Gleichzeitig
wurde auf dessen Südwestseite ein Engelrelief als Kriegsmahnmal angebracht zum Gedenken an
die Millionen von Kriegstoten, Soldaten und Zivilisten, an die Ermordung von Millionen Juden
und körperlich und geistig Behinderten (Euthanasie). An der rückseitigen Gedenktafel wird außer
an die beiden Weltkriege auch an den deutsch-französischen Krieg 1870/71 erinnert. Der gewonnene
Krieg gegen den „Erzfeind“ Frankreich erfüllte die Menschen nach den vielen Niederlagen
und Demütigungen der Vergangenheit auch in unserer Gegend mit Stolz. Dazu zählte natürlich
auch die Rückkehr des Elsass in das Deutsche Kaiserreich. An diesem Krieg nahmen auch 87
Männer aus Weingarten teil, von denen fünf im Kampf fielen. Für sie wurde ein einfaches Denkmal
vor der evangelischen Kirche aufgestellt, das 1904 durch ein pyramidenartiges Mal aus rotem
Sandstein ersetzt und an der Ecke untere Kirchstraße/Marktplatz errichtet wurde. Nach dem
Zweiten Weltkrieg musste es der Gestaltung des Kirchenvorplatzes weichen.
Von der Aussichtsplattform des Wartturms genießt man einen wunderbaren Panoramablick auf die
drei Weinanbaugebiete an den Südhängen des Ortes (Kirchberg, Katzenberg und Siedental), die
Weinmanufaktur, die Tullabrücke (1823) mit dem Walk’schen Haus (1701), das Rathaus (1900)
und die beiden Kirchen. Die Grundschule bekam 1883 einen zweiten, 1906 einen dritten Stock
und war dann die gemeinsame, staatliche Schule für alle Konfessionen. Sehr interessant ist zudem
der Übergang von der Rheinebene in das Kraichgauer Hügelland. Ebenfalls erwähnenswert ist
das Naturschutzgebiet (NSG) „Weingartener Moor“, der letzte Rest der ehemaligen Kinzig-Murg-
Rinne. Die alten „Wengerda“ nannten es „Torflager“, denn hier wurde seit 1840 Torf gestochen
und zu Brennzwecken verkauft. Heute befindet sich im Turm eine vom Bürger- und Heimatverein
betreute heimatkundliche Ausstellung (Museum im Turm).


Die jüngere Zeit
Nach dem zweiten Weltkrieg vergrößerte sich Weingarten enorm. Zirka 2500 Flüchtlinge/Vertriebene
deutscher Abstammung vor allem aus Osteuropa fanden in Weingarten eine neue Heimat. In
den Häusern und Wohnungen musste man zusammenrücken. Auf die Dauer war dieser Zustand
unhaltbar. Deshalb entstand von 1949 bis 1952 der neue Weingartener Ortsteil „Waldbrücke“.
Nach der Währungsreform vom 21. Juni 1948 veränderte sich mit dem wirtschaft-lichen Aufschwung
das Gesicht unseres Dorfes. Aus der rein agrarisch strukturierten Gemeinde wurde nun
eine Wohngemeinde mit Industrieansiedlungen und Pendlern, die in den umliegenden Städten,
vor allem in Karlsruhe, Arbeit und Einkommen fanden. Außerdem wurde eine große Flurbereinigung
im Weinbau und in der Landwirtschaft mit Unterstützung amerikanischer Soldaten durchgeführt.
Auch sie brachte vielen Weingartenern in den Nachkriegsjahren neue Verdienstmöglichkeiten.
Sie war auch eine Voraussetzung für die Errichtung der Bauernsiedlungen „Sallenbusch“ im
Jahr 1952 und „Sohl“ im Jahr 1960. Ferner wurde Mitte der 1950er Jahre das Dorf durch das
Baugebiet „Bruch“ erweitert.
In den 1970er Jahren wurden die Baugebiete „Setz“ und „Waldbrücke Nord“ erschlossen und bebaut.
Außerdem wurde von 1969 bis 1975 die Verdolung des Walzbaches in der Bahnhofstraße ab
der „Kärcherhalle“ bis zur „Hartmannsbrücke“ durchgeführt. Mit der Sanierung der Ufermauern
entlang des offenen Walzbachs zwischen der Marktbrücke und der Hartmannsbrücke im Jahr
1986 sowie mit der Renovierung des „Walk‘schen Hauses“ und des „Fränkischen Hofs“ wurde
der Ortskern attraktiver gestaltet. Der Kern dieser Sanierungsmaßnahme „Ortsmitte“ war jedoch
der neu geschaffene Rathausplatz, der mit seiner Bebauung am 16. Juni 2000 seiner Bestimmung
übergeben und mit einem großen zweitägigen Bürgerfest gefeiert wurde.
Seit 2012 hat der Ort zirka 10.000 Einwohner. Ganz im Sinne der europäischen Verständigung
pflegt Weingarten eine Partnerschaft mit Liverdun bei Nancy in Frankreich und Olesa de Montserrat
in Spanien. Frankreich ist schon lange nicht mehr der deutsche Erzfeind, und deshalb sind
wir Deutschen froh und dankbar um den Freundschaftsvertrag mit unserem Nachbarn auf der anderen
Seite des Rheins. Dieser so genannte „Elysée-Vertrag“ wurde am 22. Januar 1963 von dem
damaligen französischen Präsidenten Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer besiegelt,
der bis heute erfolgreich die Beziehungen zwischen den beiden Staaten auf politischer,
wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Ebene regelt. Zudem hat er auch auf kommunaler Ebene
Partnerschaften zwischen Städten, einen regen Austausch zwischen Schulen, Vereinen und anderen
Institutionen möglich gemacht. Hoffen wir, dass uns dieser Frieden erhalten bleibt.

von Klaus Geggus, Robert Hill, Hubert Daul

Bürger- und Heimatverein Weingarten e.V.
Durlacher Straße 30
76356 Weingarten / Baden
info@bhv-weingarten.de
www.bhv-weingarten.de

http://www.weingarten-baden.de/index.php?id=99&L=0