Gemeindenachrichten Dienstag, 04.10.2011 Wie rollstuhlfreundlich ist Weingarten wirklich? Bürgermeister Eric Bänziger nahm die Ortsstraßen unter die RäderFür ein paar Stunden hat Bürgermeister Eric Bänziger eine ganz andere Sichtweise eingenommen: Er hat sich in einen Rollstuhl gesetzt und Weingartens Straßen aus der Sicht eines Rollstuhlfahrers erkundet.
Romy Wandschneider, 41 Jahre alt, seit vielen Jahren an Multiple Sklerose erkrankt, aber energiegeladen und lebensfroh, hat ihn auf die Idee gebracht.
Zusammen sind die beiden in Begleitung ihres Ehemannes Michael Wandschneider losgezogen. Nicht, ohne vorher im Flur des Rathauses dem Neuling einen kleinen Crash-Kurs zu verabreichen. Bei Bergauffahren den Oberkörper nach vorne lehnen, um das Gewicht zu verlagern, was ist beim Rückwärtsfahren und beim Bremsen zu beachten? Munter ging es über die Rampe in den Hof des Rathauses, nach links zur Marktbrücke. Nur zirka zwei Meter lang ist die Rampe, die zur Brücke hinaufführt, aber für einen, der sein eigenes Gewicht ausschließlich mit den Armen hochziehen muss, ist das schon schwer. Kurz vor der Ampel heißt es aufpassen und nicht zur Seite kippen, denn der Bürgersteig ist schräg.
Auf der anderen Straßenseite gab es eine Kostprobe von einem Stück Kopfsteinpflaster in der historischen Kirchstraße. „Natürlich ist dieses Pflaster schön und sehr passend“ sagt Romy Wandschneider, „aber die kleinen Vorderräder des Rollstuhls bleiben in jeder Ritze hängen“. Nicht nur in den Ritzen muss der Rollifahrer sehr aufpassen, auch an vielen Bordsteinkanten. Sie sind meist nur abgesenkt, aber nicht wirklich flach. Es bedarf einer gewissen Übung, den Rollstuhl ein klein wenig nach hinten zu kippen, um das Hindernis zu überwinden.
Unmöglich dagegen ist es, einen Weingartner Zahnarzt aufzusuchen. Im Ort gibt es vier Zahnärzte, keiner hat einen rollstuhlgerechten Zugang. Auch wenn ein Zugang da ist, wie beispielsweise ein Treppenlift in der Walzbachhalle, ist es eine Organisationssache, auch den Schlüssel dazu zu haben. Vorbildlich fand Romy Wandschneider die Kleiberit-Arena, denn dort ist die Rollstuhl-Toilette ebenerdig im Erdgeschoss zu erreichen. „Behinderte schauen immer zuerst nach den Toiletten“ erklärt sie. Die Teilnahme an einem Freiluftfest ist ihr aus diesem Grund verwehrt.
Nicht zu überwinden ist die Stufe vor dem Eingang zur Post. Das werde er als auffälligstes und dringlichstes Manko mitnehmen, erklärte Bänziger, der sich unterwegs etliches notiert hatte. Er habe aus diesem Blickwinkel vieles bemerkt, was ihm sonst nicht aufgefallen wäre, meinte er.
Uneingeschränktes Lob für seine authentische Erfahrungssuche erhielt der Schultes nicht nur von seinen Mitarbeitern, sondern auch von Passanten. „Die Behinderten sollen keinesfalls immer mit erhobenem Zeigefinger dastehen“ meint Romy Wandschneider, „aber es tut gut, mal aufmerksam zu machen“. Als letztes werden die verkehrsberuhigenden Schwellen in der Bahnhofstraße erprobt und als machbar befunden. Sie sieht durchaus ein, dass sich vieles aufgrund der Gegebenheiten nicht ändern lasse.
Im großen und ganzen sei Weingarten schon sehr behindertenfreundlich, aber für jemanden wie sie sei ein Rollstuhl ein unvergleichlich gutes Hilfsmittel, um noch am Leben teilzunehmen. Für die immer mehr werdenden Rollatoren der Senioren gilt dasselbe. Seitenanfang | Seite drucken |